Hallo? Ist hier noch jemand?

Es ist Samstagnachmittag. Heimatbesuch. Ich sitze bei meinen Eltern in meinem alten Kinderzimmer und höre meinem Dad beim Schnarchen zu. Boba sitzt daneben und wirkt leicht genervt davon, schläft aber sicherlich auch gleich und ich habe einfach mal beschlossen, hier wieder ein paar Sätze zu schreiben.

Die letzten Monate ist unglaublich viel bei mir passiert. Allein mein Umzug nach Lingen und mein neuer Job bei EMP haben mein Leben komplett verändert und was soll ich sagen: Ich bin einfach nur glücklich, dass alles so gekommen ist.

mein dritter Heimatbesuch

Es fühlt sich schon schön an hier zu sein, aber ganz ehrlich? Wenn ich hier bin, merke ich, wie gut es für mich ist, hier nicht mehr zu sein. Klar meine Familie wohnt hier und die vermisse ich auch ab und an und es gibt auch ein paar Freunde, die ich gerne öfter sehen würde, aber im Großen und Ganzen hab ich mich hier noch nie so wohl gefühlt. Das Dorfleben und die Menschen hier, waren schon immer für mich ein großer Störfaktor. Die Denkweisen die hier herrschen, erschrecken mich immer wieder auf’s neue und wie wenig sich die meisten Menschen hier doch auch überhaupt entwickeln. Hier ist kaum jemand offen für neues. Hier ist kaum jemand Tolerant. Hier wird grundsätzlich gegen Flüchtlinge gepfiffen, obwohl man keine Ahnung hat… Die Liste ist lang.

Gestern saß ich mit einer Kindergarten/Schulfreundin von mir zusammen. Wir haben tatsächlich überlegt, wer sich die letzten 10 Jahre aus unserer Klasse irgendwie verändert hat. Wir mussten einfach feststellen, dass sich kaum jemand verändert hat. Wir und noch eine andere Freundin, sind tatsächlich die einzigen, die irgendwie total weltoffen sind, gerne etwas von der Welt sehen, tätowiert und gepierct sind, spontan sind und tatsächlich auch schon viele Erfahrungen in verschiedenen Bereichen gesammelt haben.

Ich hab auch schon mit 14/15 immer gesagt, dass ich hier nicht bleiben werde. Eigentlich hatte ich deutlich früher vor hier weg zuziehen, aber ja, manchmal tauchen dann Menschen in deinem Leben auf, die eben genau das verhindern, weil sie nicht offen sind, weil sie ihr Dorf nicht verlassen wollen, weil sie sich nicht verändern wollen und dir damit dann im Weg stehen.

Es ist nicht so, dass ich die Menschen grundsätzlich nicht mag, die hier sind. Aber selbst von vielen Freunden, werde ich wegen meiner Tattoos, der Musik die ich gerne höre und meiner Vorlieben für Games und Comics verurteilt, in irgendeine Schublade gesteckt und muss mir Sachen anhören wie: „Was ist wenn du mal Kinder hast?“ „Wenn mein Kind so heim kommen würde, dass wär der Horror für mich!“ – Schön, wenn ich die Leute dann immer Frage, ob ich denn ein so schlimmer Mensch denn auch sei,  wie mein Aussehen auf sie wirkt, dann wissen sie meistens gar nicht was sie sagen soll.

Ich finde es einfach nur unglaublich schade, dass Menschen so verschlossen sein können und immer noch verurteilen. Ich verurteile diese Menschen nicht. Jeder soll sein Leben führen, wie er es für richtig hält, aber soll dies dann auch bei anderen akzeptieren.

Meine neue Heimat

In Lingen ist es  irgendwie anders. Ich fühle mich total wohl in Lingen, die Menschen sind da total offen, du wirst im Normalfall nicht komisch angeschaut, wenn du tätowiert bist, irgendwelche Leute, die gegen Flüchtlinge schießen oder irgend eine dumme rechtsorientierte Partei wählen gibt es kaum und du kannst rumlaufen wie du willst. Die Lingener behaupten ja immer, dass die Menschen da nicht offen seien, die waren aber noch nie hier unten im Süden 😉

Auch wenn ich erst drei Monate in Lingen wohne und arbeite, weiß ich, dass es richtig war. Ich selbst merke einfach auch, dass es mir extrem gut tut, nicht mehr hier in der Heimat zu leben und einfach ich selbst sein zu können. Es gibt auch gewisse persönliche Veränderungen, die mir einfach mehr als gut tun.

Es ist nichts negatives, wenn man sich nicht verändert und „stehen bleibt“, dass muss jeder für sich entscheiden, aber es ist einfach nicht meine Welt!

over and out

Gerade muss ich über mich selbst lachen, eigentlich war hier was ganz anderes geplant, aber manchmal übernehmen meine Gedanken meine Finger und dann kommt da sowas komisches wie das hier raus. Wahrscheinlich interessiert es kaum jemand, wahrscheinlich überlegen jetzt ganz viele alte Freunde von mir, ob sie damit gemeint sind, aber ganz wahrscheinlich lesen sie nicht mal meinen Blog, weil das was ist, was sie nicht kennen und weil das die komische tätowierte ohne Musikgeschmack geschrieben hat.

 

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Klaus sagt:

    Ach ja. Das liebe Dorfleben. Ich kenne das nur zu gut. Meine Nachbarn sind so sehr in ihrer kleinen, engen Welt gefangen und verstehen es nicht, wenn man nicht jeden Samstag sein Auto putzt oder wenn man sich über den Löwenzahn freut, der zwischen den Pflastersteinen blüht. Wir sind anscheinend eine Gefahr für die Kultur, wenn wir lieber zu einem Comic greifen, anstatt den Tatort einzuschalten.

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  2. Die Caddü sagt:

    Ich wohne auch auf dem Land. Ich bin hier groß geworden, in einem kleinen Dörfchen mitten im Nirgendwo, zwischen Feldern, Wäldern und Wiesen. Früher kannte man hier noch jeden. Alle Freunde aus der Grundschule lebten hier – die Feinde leider auch. 😀
    Eine schönere Kindheit hätte ich mir kaum vorstellen können: Im Matsch spielen, Nachtwanderung im Wald, Abenteuer auf den Feldern zwischen dem mannshohen Mais, sich am Gras die Knie aufschneiden, wenn man „Wolfsrudel“ spielt…. 😀

    Leider sterben die Menschen hier so langsam weg und es kommen neue hinzu: Junge Familien, die ihr Glück zwischen Kuh und Kanninchenbau suchen. Das Geplärre dürfen wir uns Sommer für Sommer anhören. XD Manchmal, wenn wir in unserem Garten abends zusammen sitzen und die Musik läuft, kommt der Nachbar rüber und beschwert sich. Das nehmen wir ihm nicht krumm; Lehrer für Religion und Sport und ein echter Idiot. Aber man muss ja miteinander auskommen. 😀

    Mich zieht es immer mal wieder in die Stadt. Aachen, Köln, Düsseldorf. Aber ich freue mich dann jedes Mal, wenn ich nach Hause zurückkommen und die Stille genießen kann (die nach dem Bau der neuen Umgehungsstraße leider doch nicht mehr so still ist.)

    Früher kannte jeder jeden. Meine Mutter unterhält sich heute noch mit meiner Oma über die Brandheißen News aus dem Dorf. 😀 Mich lässt das alles kalt. Sicherlich durften sich meine Eltern den ein oder anderen Spruch anhören, wenn mein kleiner Bruder mal wieder splitternackt mit Helm auf dem Kopf auf seinem kleinen Fahrrad über den Gehweg gegondelt ist. :’D Das waren noch Zeiten!
    Aber meistens wurde darüber gelacht – wir waren wohlerzogene Kinder und haben immer fein gegrüßt.
    In eine Schublade gesteckt wird hier nur hinter vorgehaltener Hand. Vielleicht klingt das gemein aber ich denke, das ist besser so.
    Tratsch gibt es immer. Selbst wenn man ihn suchen muss. 😉

    Alles in allem bin ich froh, hier aufgewachsen zu sein. Das klischeehafte „Jeder weiß deine tiefsten Geheimnisse und stiert dich beim Rasenschneiden mit der Nagelschere verständnislos an, bis du zur Haustür rein bist.“ ist bei mir einfach nie gegeben gewesen. Oder wir haben es nicht mitbekommen. Was auch immer. 😀

    Liebe Grüße! (:
    Die Caddü

    Gefällt 1 Person

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